Aktuelles Projekt: Mittendrin

Wie wollen Wir wohnen?

Das Zuhause ist der Ort, wohin wir uns zurückziehen, der Sicherheit und Schutz bietet, wo wir Energie tanken. Zu Hause bestimmen wir, merken aber kaum, dass der Raum auch über uns bestimmt. In ihm materialisieren sich die Grenzen, die wir nicht überschreiten wollen. Hinter dem Schutzaspekt der Wände und hohen Zäune mag sich die Angst vor Anderen und Fremden verbergen, die außen bleiben sollen. Das Verbannen alter Gebäude, Ruinen und Möbelstücke auf den Müllhaufen festigt in uns den Glauben, dass wir auf einem unbeschriebenen Blatt ein neues Kapitel anfangen können – entledigen wir uns damit nicht (zumindest teilweise) der Verantwortung gegenüber der Vergangenheit, die in und um uns eingeschrieben ist? Zu Hause finden die Katastrophen meist nur auf dem Bildschirm statt, zwischen den eigenen Wänden dürfen wir unseren Egoismus ausleben und uns dabei wohlfühlen. Ist nicht diese Wohlfühloase auf Kosten der Anderen und der Umwelt eingerichtet? Inwieweit geht es beim Wohnen denn wirklich um private Angelegenheiten? 

Zu Hause sehnen wir uns nach einem Anker, nach einer Konstante, nach dem Bekannten und Vertrauten, es geht um viel mehr als die Sicherheit am Abend ein Dach über dem Kopf zu haben; das Zuhause gibt mir die Rückendeckung, wenn ich dem Abenteuer da draußen begegne;  ich weiß, wo der sichere Hafen liegt. Wie wäre es ein bisschen Abenteuer auch zu Hause zu erleben, neuen Ästhetiken zu begegnen, Außenstehende einzuladen, die Umgebung einzubeziehen? Wie sieht ein Wohnort aus, der bewegt, inspiriert und irritiert? Ein nachhaltiges Wohnen, welches bewusst die Umwelt mit einbezieht und schützt?

Wir möchten auf die Frage ‘Wie wollen wir wohnen?’ mit einer Entwurfsskizze als schriftliches wie visuelles Gedankenexperiment antworten; eine Skizze, die an dem ‘Wir’ der Frage ‘Wie wollen wir wohnen?’ ansetzt und um das ‘Mittendrin’[1] kreist. Dieses zunächst neutral und unschuldig wirkende Wort ‘Wir’ soll mit unserer Skizze problematisiert und in vier Richtungen geöffnet werden: zu den Spuren der Vergangenheit (Kapitel I), der Natur (Kapitel II), dem sozialen Miteinander (Kapitel III) und differenzbewussten wie beweglichen Wir-Formen (Kapitel IV).

Brückenpfeiler

Wir ahnten es aufgrund des Namens Marschbahndamm schon, als wir an der Dove-Elbe vom Tatenberger Deich diesen Weg hinunterschauten und nur einen asphaltierten Fahrradweg erblickten: hier lagen vielleicht in der Vergangenheit Bahngleise. Das Häuschen an der Kreuzung könnte ein Bahnhofsgebäude gewesen sein; die Brückenpfeiler stehen noch am Dove-Elbe-Ufer.

Nun ist auch die KZ-Gedenkstätte Neuengamme nicht weit entfernt, und nach sehr kurzer Recherche wird klar, dass hier auf den Naherholungsradwegen Hamburgs KZ-Häftlinge nach Neuengamme mithilfe der Marschbahn transportiert wurden. Kein Hinweis-Schild, nichts; wir radelten durch die wunderschönen Marschlande und anstatt wir zur Gedenkstätte gelotst werden oder irgendetwas an die Geschichte dieses Weges erinnert, fuhren wir an Kleingärten mit unzähligen Deutschlandfahnen vorbei.

Mittendrin heißt auch mitten in der Geschichte zu sein; sie nicht zu ignorieren; die Spuren der Vergangenheit zu integrieren, sie umzuformen; irgendwie mit diesen umzugehen, ohne Verdrängung und Beseitigung. Gegen dieses Über-Asphaltieren von Geschichte, zumal gegen diese Nationalflaggen, gegen dieses eingegrenzte und abgeschlossene Wir unter dem Mythos der Nation, stellt sich eine erste Frage: wie kann man dieses ‘Wir’ (aus der Frage ‘Wie wollen wir wohnen?’) in die Vergangenheit öffnen? Wie lässt sich ein Wir, ein Ort und ein Wohnen denken, dass dem vergangenen (auch gegenwärtigen & zukünftigen) Scheitern, Ausschlüssen und Vernichtungen durch unsere und andere Wirs begegnet, damit umgeht, darauf antwortet?

In unserem Projektentwurf (als ein beginnender Antwortversuch) integrieren wir den verbliebenden Brückenpfeiler der Marschbahndammbrücke, der jedoch nicht wie ein Monument im Zentrum oder Abseits (zur Gewissensbereinigung) positioniert wird. Sondern der Pfeiler affiziert die Form des gesamten Wohnhauses und beeinflusst auch mit der begehbaren Plattform den gesamten öffentlich-unbestimmten Raum rund um das Gebäude. Diese Plattform führt vom Brückenpfeiler zum Wohnhaus, wobei der linke Teil des Hauses auf einem Betonsockel steht, der die Form des Brückenpfeilers kopiert, und dessen schräge Seite für die gesamte linke Hauswand übernommen wird.

 

Lehm, Schrott und Bienen

“Es gibt keine Gewalttätigkeit ohne Institution, keine Institution ohne Raum, keinen Raum ohne Gewalttätigkeit. Und darüber hinaus ist Gewalttätigkeit immer häuslich, aber nicht, weil sie in einem Innen vorgeht. Vielmehr handelt es sich um die Gewalttätigkeit des Innen als solche, eine Gewalttätigkeit, die zugleich in Szene gesetzt und versteckt wird von den vertrauten Repräsentationen des Raumes.” (Wigley 1994,107f.)[2]

Das Haus ist voller Gewalt, es erzeugt das Innere, das Heimliche und Eigene, was meinen Blick formiert und einengt. Es lässt mich glauben, dass es ein Außen gibt, es lässt mich glauben, dass ich weiß, wie das Außen aussieht und wer außen bleiben muss. Das Fremde da draußen erscheint mir nicht gleich, es stellt meist keine befreundete Nachbarschaft dar. Doch das da draußen wird von meinem Zuhause aus domestiziert – ich glaube es beschreiben, beurteilen und im schlimmsten Fall beherrschen zu können.

Das Zuhause ist ein Ort, zu dem ich stets zurückkehre, ohne es unbedingt bemerken zu müssen … zu meinen vier Wänden und auch zu den abendländischen Denkmustern und Mythen eines souveränen Menschen, der abseits und über der Natur steht; ein Mensch, der der unbändigen Natur einen sicheren und ruhigen Ort abgerungen hat. Als das Außen wird unter anderem die Natur, als die fremde Welt der Pflanzen, der Materie und Tiere betrachtet, die der Mensch versucht für sich nutzbar zu machen, zu kontrollieren und damit zu unterwerfen. Wie gefährlich diese so tief verwurzelte Einstellung sein kann, lässt uns die immer näherkommende Klimakatastrophe spüren. Der Mensch sägt an seinem eigenen Ast, in dem er glaubt in einer hierarchisch höhergestellten Parallelwelt zu leben und zerstört seine eigene Lebensumwelt. Der Klimawandel zeigt aktuell im Anschluss der vielen bereits erfolgten narzisstischen Kränkungen (Kopernikus, Darwin, Freud, Marx, etc.) einer Menschheit (die sich ins Zentrum allen Seins setzt), einmal mehr, wie zerstörerisch unsere modernen und anthropozentrischen Lebensformen sind.

Auch hier gilt wieder das Mittendrin: Kultur und Natur lassen sich nicht getrennt voneinander denken, sie sind miteinander verschränkt und es gilt entgegen des neuzeitlichen Anthropozentrismus mit sozial-materiellen Lebens- und Wohnformen zu experimentieren, die sich mittendrin bewegen und in denen Natur als Teil von uns und nicht als unsere Gegner*in oder ein instrumentelles Mittel für unsere Zwecke betrachtet wird. Denn wir sind mittendrin und dies muss auch in dem Bereich des Wohnens und der Architektur sichtbar gemacht werden und sich widerspiegeln.

Wir wollen ein Haus aus regionalen und ökologischen Materialien bauen (vorrangig Lehm, Stroh und Holz), möglichst wenig in die natürliche Umgebung eingreifen (die Bäume stehen lassen), die Inneneinrichtung soll aus alten Möbeln und nicht mehr brauchbaren Materialien (beispielsweise vom Schrottplatz) zusammengesetzt werden; es müsste ein Wärme- und Energiekonzept erarbeitet werden, welches die Energiewende stützt. Die Lebensweise soll darauf ausgerichtet sein, dass Mitbewohner*innen Gebrauchsgegenstände teilen und reparieren, gemeinsames Kochen und Fermentieren soll neben der gemeinschaftlichen Komponente auch dafür sorgen, weniger Lebensmittel zu verschwenden. Auch sollen auf der Dachterrasse Bienenvölker und eine gemeinschaftlich organisierte Imkerei aufgebaut werden.

 

Fehlende Zäune

Dass sich die Abschottung nicht nur zwischen den Fronten ‘Gegenwart’ und ‘Vergangenheit’ sowie ‚Mensch‘ und ‚Natur‘ abspielt, ist nicht notwendig zu erklären, auch Mitmenschen werden verbannt. Es gehört zu der Menschheitsgeschichte Mauer, Grenzen, Zäune zu bauen, um das eigene Territorium zu markieren, eine Linie zwischen dem Innen und Außen zu ziehen, sich vor den Eindringlingen zu schützen. Aber wovor haben wir Angst und was macht diese Angst mit uns?

Was, wenn wir versuchen aus dieser Komfortzone auszubrechen und uns auf das Neue und Fremde einzulassen? Vielleicht wären erste kleine Schritte mit mehreren Generationen zusammen zu leben, auf den Zaun um unser Zuhause zu verzichten und die Außenwelt in die eigene Welt einzuladen – Soziales Miteinander und Gastfreundschaft zu kultivieren und zu radikalisieren. Wir wollen in einem Haus ohne Zäune leben, in dem die Grenze zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten verschmilzt; unser Wohnzimmer verlagern wir nach außen in eine Art offenes Café. So wird die Trennung zwischen dem Innen und Außen leicht verwischt – ich treffe im Wohnzimmer nicht nur bekannte Gesichter, ich lasse mich überraschen, welche Begegnungen der Tag mit sich bringt. Das offene Wohnzimmer mit angrenzender Küche ist in unserer Entwurfsskizze so konzipiert, dass es in zwei runden Formen komplett von Lehmwänden umschlossen ist und das Dach komplett aus Glas besteht.

Auch betrifft das soziale Mittendrin die Frage nach einem Wohnen abseits des Eigenen, abseits des Hausherrn und seinem Eigentum. Das Projekt soll Teil einer Genossenschaft oder des Mietshäusersyndikats sein, wodurch das Haus dem Eigenen entzogen wird und mit den Anderen verschränkt bleibt.

 

In Bewegung

Um keine neue Festung aus vier Wänden, aus unhinterfragten Selbstverständlichkeiten zu bauen, wollen wir in Bewegung bleiben. Dazu gehört auch die Architektur und der Raum, der unser Leben prägt. Wir wollen uns in unserem Zuhause stets zwischen drinnen und draußen bewegen, ohne das Drinnen zu privilegieren und uns darauf einzulassen, in der Begegnung mit den vielen Anderen (hier die Spuren der Vergangenheit, die Natur und die Mitmenschen) neue Ideen entstehen zu lassen: unser Wohnzimmer befindet sich im öffentlichen Raum und um ihn zu erreichen, sind wir gezwungen, unsere vier Wände zu verlassen und rauszugehen; der Garten ist als freie Fläche zugänglich. Der Brückenpfeiler und die Beton-Plattform bleiben unbestimmt und trotzdem ein Teil des ‚Wirs‘: Ist es ein Monument? Hat die Plattform eine Funktion? Wie darf ich diese bespielen? Das sind Fragen, die immer wieder neu ausgehandelt werden müssen. Das Haus verfügt des Weiteren im Keller über eine Werkstatt und ist aus Materialien (vorrangig Lehm, Stroh und Holz) gebaut, die leicht Veränderung, Reparatur und Erweiterung ermöglichen; so ist unser Wunsch, dass auch die Ästhetik und Funktion sich verändern kann und nicht in Stein gemeißelt ist.

Es soll ein Haus entstehen, das sich als Lebensort dem nähert, was wir mit dem Paradoxon ‘Gemeinschaft ohne Gemeinschaft’[3] benennen würden. Wir wollen nicht nur einen Spiegel des Eigenen im Flur begegnen und Heterogenität heißt nicht nur die bunte und nette Vielfalt, es braucht (zumal wir oder die meisten in einer Demokratie leben wollen) auch widerstreitende Andere und anstrengende Andersheit in dem gemeinsamen Wohnhaus und Lebensort, wo erst noch damit experimentiert werden muss, wie man die teils blutige Geschichte, die auch bedrohliche Natur und anstrengenden Mitmenschen aushält und mit diesen Anderen leben kann.

 

Schluss: Utopie!?

Unser Entwurf und Gedankenspiel ist als eine Reaktion auf die Frage „Wie wollen wir wohnen?“ entstanden und daher ist die Setzung, auf der dieser Entwurf aufbaut, eine (noch) utopische Welt, in der sich der Staat nicht nur nach ökonomischen Imperativen richtet, sondern für Umverteilung und gerechte Wohnpolitik sorgt und eine Welt, in der sich marginalisierte Gruppen nicht gegen Angriffe von außen schützen müssen. Denn, wer hat das Privileg sich überhaupt zu fragen, wie er/sie* wohnen will? Der Entwurf ist als ein Plädoyer für verantwortungsvolleres Wohnen zu verstehen. Wir sollten uns weniger von der Umwelt abschotten, kritischer die eigene Komfortzone hinterfragen und versuchen das Undenkbare zu denken.

Es ist wichtig, dass wir uns weiter mit den Fragen beschäftigen: wie lassen sich Häuser denken, bewohnen, verändern, renovieren, erweitern und bauen, sodass ein allzu starres oder loses Wir vermieden wird? Wie kann man Häuser denken, welche die (auch nicht ertragbare) Geschichte bewahren; Häuser, die nicht als Kulturzeugnis der Naturbeherrschung auftreten?

 

[1]       Wir knüpfen hier an den Begriff ‚Mittendrin‘ von Donna Haraway an (1995): „Wir sind immer mittendrin“. Ein Interview mit Donna Haraway. In: Hammer, Carmen/Stieß, Immanuel (Hrsg.): Die Neuerfindung der Natur: Primaten, Cyborgs und Frauen. Frankfurt a. M.: Campus, S. 98-122.

[2]       Wigley, M. (1994). Architektur und Dekonstruktion. Derridas Phantom. Basel: Birkhäuser Verlag.

[3]       Derrida, J. (1994). Politik der Freundschaft. Berlin: Suhrkamp.